Ein gutes Deo riecht lecker oder gar nicht, wirkt zuverlässig, sieht gut aus, wird aluminiumfrei, ohne schädliche Wirkstoffe und ohne Tierversuche hergestellt, die Verpackung ist umweltfreundlich. Im Jahr 2015 gab es all das noch nicht. Das fiel auch Judith Springer auf und sie beschloss, genau das zu ändern.
Mit ihrem Label fine cosmetic brachte sie 2016 das unisex-Deo Vetiver Geranium auf den Markt und hat damit eine kleine Revolution in der Deo-Welt ausgelöst. Binnen eines Monats war die gesamte Charge von 500 Stück verkauft. Die Warteliste von Interessierten wuchs schnell auf mehrere Hundert Menschen an. fine cosmetic war direkt und von Anfang an erfolgreich. Seitdem ist die Deo-Familie gewachsen, verschiedene Duftkreationen und Verpackungsarten, aber auch Roll-on-Parfums sind hinzugekommen. Wir wollten wissen: Wie kam die Juristin und promovierte Sozialwissenschaftlerin, Mutter von zwei Kindern, Yoga-Lehrerin und Kuratorin für zeitgenössische Kunst ausgerechnet darauf, das perfekte Deo erfinden und produzieren zu wollen? Wie hat sie es so schnell geschafft, ihren Markt zu entdecken und zu erobern? Und welche Rolle spielen Rohstoffe, Lohnhersteller und die Verpackung für den Erfolg?
Nein nein, eigentlich gar nicht, ich war da absolute Superpionierin. Das, was ich wollte, gab es 2015 noch nicht. Ich bringe ja auch kein Produkt auf den Markt, das es schon gibt. Man muss jetzt nicht die hundertste Bodylotion rausbringen oder so was.
Ja, das zieht sich bei mir als roter Faden durch. Wenn ich kein Manko irgendwo sehe, verspüre ich nicht die Notwendigkeit, das zu machen. Ich will was haben, was ich nirgendwo sehe, und dann will ich’s machen. Ich hatte schon lange ein natürliches Deo gesucht, was gut roch, gut aussah und vor allem funktioniert. Ich habe zwar eins gefunden aus den USA, das hat zumindest gewirkt, aber das sah nicht gut aus, war in Plastik verpackt und es roch schlecht. Dieses Deo, wie ich mir das vorgestellt habe, gab‘s einfach damals nicht. Eine Freundin von mir meinte dann: Das kannst Du doch einfach selber machen. Und so habe ich angefangen.
Damals war ich in einer Ausbildung zur Yogalehrerin und habe die Samples an meine Schülerinnen und Schüler verteilt. Die waren alle so begeistert. Ich hatte eine Schülerin, die wollte Privatstunden haben, aber ich durfte in der Ausbildung noch kein Geld dafür nehmen. Wir haben uns darauf geeinigt etwas auszutauschen. Sie ist Grafikdesignerin und hat mir eine Corporate Identity im Gegenzug für die Yogastunden gemacht. Das war sehr professionell und so kam mir der zündende Gedanke, die Idee, ja, man kann das auch ganz anders aufziehen. Und so kam das.
In meiner Küche. Ich habe mir überlegt, was riecht gut, was gefällt mir gut und das packe ich jetzt mal zusammen. Die Düfte, die ich verwende, das sind ja Gerüche, die man sonst nicht hat, wie Vetiver Geranium oder Cedar Bergamot und natürlich Ginster. Du arbeitest mit ganz anderen Stoffen. Ich hatte schon bestimmte Vorstellungen, es muss zum Beispiel unisex sein. Und ich hatte ein paar Vorbilder und habe verschiedene Bestandteile gemischt. Das kam aber nicht an meine Vorbilder ran. Ich habe dann einen Lohnhersteller im Internet gesucht und gefunden, dem habe ich das gegeben und beschrieben, wie ich es gerne hätte. Der musste das perfektionieren, weil die Konsistenz, die ich mir in der Küche zusammengerührt habe, natürlich nicht so war, wie ich das gerne gehabt hätte und wie es auch objektiv gut ist.
Genau.
Die besorge ich nicht, dass macht auch alles der Lohnhersteller. Ich gebe nur die Impulse rein, wenn ein neues Produkt entwickelt wird, gebe vor, wie es riechen, aussehen und was es sonst an Merkmalen haben soll. Das sind alles Naturstoffe und die beziehen das von Rohstofflieferanten aus der ganzen Welt. Es ist enorm schwierig, die Inhaltsstoffe regional zu beziehen. Schon Kamille ist ein Problem, obwohl die hier wächst, aber es wird nicht produziert, es gibt dafür keinen industriellen Anbau. Du musst einen kleinen Bauern suchen, der das für dich macht, Du bekommst das dann aus Italien zum Beispiel. Durch die Globalisierung haben sich auch Rohstoffproduktionen angepasst, das ist analog zu unserem Obst und Gemüse.
Sofort. Ich bin da wirklich Perfektionistin. Und auch, wenn sich das jetzt komisch anhört, aber es war mir zum Beispiel auch wichtig, wie sich der Deckel anhört. Die haben unterschiedliche Sounds, je nachdem, was für ein Material das ist. Ich benutze jetzt was aus Harnstoffen, das hat eine Bakelit-Haptik. Und das ist anders, als wenn Du Kunststoffe, also PP (Anmerkung: Polypropylen) oder PE (Polyethylen) benutzt. Ich wollte da nicht irgendwas. Für mich ist die Ästhetik wichtig und es darf auch nicht schlecht riechen, wie das bei recyceltem Meeresplastik manchmal der Fall ist. Und der gesunde Menschenverstand gehört auch dazu. Ich habe das erlebt mit dem FSC-Papier, das ich für meine Deo-Sticks verwende, und habe mal einen Produzenten gefragt, ob das ein Zertifikat hat. Er meinte nein, haben sie nicht, ganz bewusst nicht. Das geht nur für große Plantagen. Die Papiere kommen aus nachhaltiger Forstwirtschaft von kleinen Bauern mit gewachsenen Strukturen. Die Zertifikate sind teuer und es würde diese Strukturen zerstören, wenn sie alles umbauen müssten, nur, um so ein Zertifikat zu bekommen. Das will er nicht unterstützen. Und so sehe ich das auch. Natürlich steckt da Arbeit hinter, das zu hinterfragen, wo und wie das wirklich produziert wird, da steckt dann meistens ein Rattenschwanz dran gerade bei den Siegeln und Zertifikaten. Mit Glas ist das ja ähnlich, denn bezogen auf den CO2-Fußabdruck ist Plastik viel besser als Glas, weil Glas total schwer ist und sich im Transport einfach negativ auswirkt. Das ist alles nicht so einfach. Es gibt keine klare Antwort.
Ja, die kannst Du danach in den Papiermüll oder sogar in den Kompost geben.
Ich muss ehrlich sagen, dass es das Prinzip schon gab, aber nur in den USA, danach erst schwappte das nach Europa. Aber so wie ich das mache, ohne eine Plastikbeschichtung innen auf dem Papier, da bin ich bisher die Einzige. Alle, die ich kenne auf dem Markt, haben eine Plastikbeschichtung. Da ist wieder viel Greenwashing: Die Leute denken, das ist aus Papier, aber in Wahrheit ist da Plastik drin. Mein Papier ist total diffusionsgeschlossen, also wirklich undurchlässig. Da ist keine Barriere wie Glas, Plastik oder Aluminium. Wir haben jetzt die Formulierung so umgestellt, dass wir bewusst Fett und Öle einsetzen, die größere Teilchen haben und da machen wir immer wieder Feintuning, damit die wirklich in die Verpackungen passen und sich nicht durch das Papier verflüchtigen. Das ist wahnsinnig viel Arbeit.
Ich gehe holistisch an das Ganze ran. Es ist für mich wichtig, was bestimmte Düfte auslösen. Ich nehme ätherische Öle als Basis, die haben auch eine seelische Komponente, was haben die für eine Energie, was unterstützen sie, was fördern sie, wogegen kann man die einsetzen. Das spielt bei der Entwicklung eine große Rolle, da recherchiere ich sehr viel. Zum Beispiel bei den Körperseren war das sehr wichtig. Das eine, Peace, soll beruhigen, da kommen dann eben ätherische Öle zu Geltung, die die Serotoninproduktion fördern. Und ich gucke, was zusammenpasst, habe immer nur eine grobe Vorstellung. Es ist schon so, dass meine Entwicklerinnen und Entwickler das können, dass sie darauf reagieren, was ich sage. Es gibt eher so ein Image, das ich im Kopf habe, ich gebe nicht vor „das muss jetzt Patchouli sein“, sondern ich habe ein Bild vor Augen und die setzen das um.
Genau – und bei Ginster zum Beispiel habe ich lange gesucht. Ich wollte einen blumigen Duft haben, aber ich mag keine blumigen Düfte. Dass war so ein bisschen meine Krux. Ich habe sehr viele ätherische Öle probiert, die blumig waren. Und mich umgehört bei Aromatherapeuten, die mir Tipps gegeben haben. Und so habe ich dann Ginster gefunden. Der Geruch erinnert an Honig und ist ein ganz spezieller Duft, dass passte dann schon wieder zu mir. Die Lohnhersteller denken da für mich mit und konnten genau die Komponenten aus dem Duft herausarbeiten, die sich perfekt im Deo machen.
Bei mir ging das hoppladihopp. Das war unglaublich. Ich hatte 500 Produkte hergestellt beim ersten Mal und die waren innerhalb von einem Monat ausverkauft. Und dann hatte ich knapp zwei Monate gar nichts, weil die Produktion nicht so schnell hinterherkam. Ich habe eine Warteliste angelegt und eines Tages gab es tatsächlich die Erwähnung in der Harpers Bazaar mit dem Satz „früher standen wir auf der Warteliste für eine Tasche, jetzt stehen wir auf der Warteliste für ein Deo“. Also die Leute sind wild geworden. Mit den ersten Produkten bin ich in Berlin zu den Geschäften, von denen ich wollte, dass die das Deo verkaufen, und die haben das auch alle ins Programm genommen, Andreas Murkudis, MDC Cosmetic, Soho House und so weiter. Ich hatte total gute Presse und eine Journalistin einer großen deutschen Frauenzeitschrift, sie war Extrem-Schwitzerin, sagte mir, seitdem sie das Deo benutze, müsse sie kein extra T-Shirt mehr tragen, sie schrieb, ich hätte ihr Leben verändert. Das lief wie geschnitten Brot.
Bei mir schon. Ich bekomme auch oft Fotos von Achseln, wo ich mir denke, oh, das ist mir jetzt ein bisschen too much, aber da nimmt keiner ein Blatt vor den Mund.
Ah ja doch, manchmal schon. Da kommen schon einige mit ihren Problemen an. Aber das ist auch total in Ordnung und dafür bin ich ja auch da. Ich gebe Empfehlungen. Ich habe über die Jahre festgestellt, dass viele Frauen gar nicht mehr in Kontakt mit ihrem Körper sind. Eine klassische Mail, die ich ab und an mal kriege ist: Euer Deo funktioniert nicht mehr an mir, was ist los, wieso habt ihr die Rezeptur verändert. Und dass ist total interessant, es ist total aufwändig, eine Rezeptur zu verändern. Du musst eine neue Sicherheitsbewertung machen, eine neue Produktion. Die stellen sich das so vor, als würde man das mal so eben machen können und da sag ich dann immer: es ist Dein Körper, der verändert sich minütlich. Es ist wirklich so, dass ein Deo unterschiedlich wirkt, was ich selber feststellen muss, nicht immer, aber manchmal, je nachdem, wo du im Zyklus bist oder insgesamt im Hormonstatus. Und ich schreibe denen das auch und die Leute reagieren toll darauf, die Resonanz ist immer: Ja, stimmt, du hast recht, das hatte ich gar nicht bedacht, darauf habe ich noch gar nicht geachtet.
Ja – das macht für mich ein richtiges Naturprodukt aus. Dass es nicht immer gleich ist. Das finde ich richtig toll, dass das Produkt mit deinem Körper zusammenarbeitet und nicht so eine Chemiekeule ist, die immer gleich ist, immer funktioniert.
Während der Produktion bekomme ich die Ware und kontrolliere das natürlich. Das sind schon größtenteils sehr feine Produkte, bei denen man sofort sieht, wenn was anders ist. Das merkt man direkt, dann ist die Konsistenz anders, der Geruch und mein Haupt-Lohnhersteller ist da schon extrem 200-prozentig genau. Er macht selber, wenn der Rohstoff kommt, nochmal eigene Tests und kontrolliert die Rohstoffe, testet noch mal nach.
Und weil die Produkte zertifiziert sind, gibt es regelmäßig Audits, die kommen zu meinem Hersteller hin, gucken die Produktion an, da wird alles zurückverfolgt. Das ist enorm wichtig, sonst bekommen wir das Zertifikat nicht.
Das kommt auf das Produkt an und wie gut man sich versteht. Mit meiner neuen Entwicklerin ist es ein Match made-in-heaven, da braucht es nur ein, maximal zwei Runden, bei den anderen drei bis fünf, unter drei nie. Insgesamt dauert das ein Jahr. Ich arbeite auch an einer ganz neuen Linie und das zieht sich schon ein paar Jahre hin. Es gibt dann auch sehr viele unterschiedliche Tests, Konservierungsmittelbelastungstests und so weiter.
Die Nachfrage war da und das Produkt ist klassisch. Die Deos sind flüssig, das sind coole, reine Formulierungen und Du kannst das Glas wieder zurückgeben. Roll Ons gibt natürlich, aber in der Formulierung und mit Rückgabeoption, wie ich das bei den Glastiegeln auch schon immer mache, kenne ich das nicht.
Ich habe Anfang des Jahres eine Marke gekauft. Darüber kann ich jetzt noch nicht reden, aber das wird eine andere Dimension und erfüllt mich hundertprozentig. Ich gebe Bescheid, wenn es so weit ist.

