Es begann in der Pandemie, und zwar am Esstisch. Nicht selten bildet er das familiäre Zentrum, das Herzstück innerhalb eines Zuhauses. Das stellten auch Julieta Benito Sanz und Dirk Lachmann mit ihren zwei Kindern fest, vor allem, als man sich in Corona-Zeiten plötzlich viel in den eigenen vier Wänden aufhielt. Hier wurde gearbeitet, gelernt, gelesen, gemalt, gegessen und gespielt. Brauchten da alle Personen und Zwecke einen eigenen Tisch? Natürlich nicht. Es widerspräche auch dem Gemeinschaftsgedanken eines Tischs. Verschiedenen Bedürfnissen und Körpergrößen sollte ein gemeinsam genutztes Möbelstück aber gerecht werden. Genau diesen Anspruch erfüllen die meisten aber leider nicht. So haben sich Julieta und Dirk überlegt, wie ideale Möbel aussehen könnten. Die Funktion gab die Richtung vor, Nachhaltigkeit sollte die Bedingung sein, ein weiterer Fokus lag auf der Ästhetik. Auf dieser Basis entstand MiNiMONO PROJECT, eine kleine, feine Möbelkollektion aus recyceltem oder besser upcyceltem HDPE-Plastik, die für Kinder wie Erwachsene funktioniert.
Das non-toxische Hart-Polyethylen ist ein teilkristalliner, thermoplastischer Kunststoff, der lediglich aus Wasserstoff und Kohlenstoff besteht. Seine Ökobilanz ist gut. Das Material ist robust, wasserfest, leicht zu reinigen, für den Innen- und Außenbereich nutzbar und kann bei Bedarf erneut recycelt werden. Die Möbelserie ist zu 100 Prozent made in Germany. Neben Hockern (die zum Beispiel auch als Beistelltische oder Pflanzenhocker taugen), gehören Tritte, Tische, ein Sessel und wechselnde kleine Utensilien dazu. Verschickt werden die Teile als kleine Bausätze, die sich einfach zusammenstecken und flach verpacken lassen. Das spart Verpackungsmaterial, unnötigen Müll und Transportkapazitäten, der CO2-Fußabdruck bleibt so gering wie möglich.
Julieta: Ich bin eigentlich Architektin, habe aber immer eher im Bereich Interieur gearbeitet, Einrichtungen und Sanierungen betreut. Dann folgte „Silo“, ein Concept Store mit modernen Produkten von spanischen Manufakturen, den ich mitbegründete. Wir hatten Mode, Spielzeug und Einrichtungsgegenstände im Sortiment. So kam ich allmählich zum Produktdesign.
Dirk: Ich bin eigentlich Jurist, habe aber nie als solcher gearbeitet, sondern immer für Galerien und Ausstellungen die Raumkonzepte entwickelt. Schließlich habe ich zusammen mit dem Künstler Ion Arregui begonnen Möbel zu bauen. So haben wir das Studio Kilikolo gegründet, ein baskisches Wort für „kippelig“.
Julieta: In Corona-Zeiten, vor allem im ersten Lockdown, haben wir – wie die meisten anderen ja auch – sehr viel Zeit zuhause in unserer Berliner Wohnung verbracht und beobachtet, wie wir welche Möbel nutzen. Wir haben zwei Kinder, die einige Jahre auseinander sind. Und wir saßen schließlich alle mit unseren verschiedenen Interessen und Körpergrößen am selben Tisch, der aber nicht unbedingt allen Bedürfnissen gerecht wurde. Also haben wir nach einem Tisch gesucht, der das besser kann. Dirk ist zudem sehr groß und ich brauche überall einen Tritt um an die Dinge heranzukommen. Den gleichen Tritt brauchen die Kinder, um an den Küchentresen und das Waschbecken zu gelangen. So haben wir begonnen, ein paar Möbel zunächst für uns zu entwickeln, die vor allem Kindern gerecht werden, ohne dass sie nach expliziten Kindermöbeln aussehen. Sondern solche, die wir selbst schön finden und auch gerne in unserem Bad, Wohnzimmer und Co. sehen und nutzen wollen.
Julieta: Wir haben mit Freunden darüber gesprochen, denn jeder hat diese Kindermöbel vom selben Großhändler zuhause, die man am liebsten in eine Ecke verbannt, weil sie so hässlich sind. Eigentlich ist es Quatsch, mehrere Tische zu haben, vor allem, wenn man diese Kindertische wegschmeißt, sobald die Kinder größer sind. Das ist ein Problem von Kindermöbeln, dass Kinder da herauswachsen und man sie anschließend nicht mehr braucht. Wir wollten das ändern und Möbel kreieren, die nicht nur für Kinder sind und nicht nur einen temporären Zweck erfüllen. Und die nicht hässlich sind. Wir haben uns unsere Möbel im Wohnzimmer angeschaut und festgestellt, so anders müssen Möbel für Kinder und Erwachsene gar nicht sein. Ein positives Beispiel ist der Stokke Stuhl, der mitwächst und den Menschen vom Baby- bis ins Erwachsenenalter nutzen können.
Julieta: Ich habe viel gezeichnet und Dirk hat Prototypen aus Holz gebaut. Dazu kam dann die Idee mit dem recyclten Plastik. Das hat viele Vorteile: So sind die Möbel sehr leicht zu reinigen, man kann sie drinnen und draußen verwenden und sie sind so gut wie unkaputtbar. Die Plastikpaletten schneidet man mit einer CNC-Fräse, einer programmierbaren und computergesteuerten Schneidemaschine, und so hat auch die Herstellung ein Stück weit Einfluss auf das Design genommen, denn wir haben versucht, die Produktion so zu optimieren, dass so wenig wie möglich übrig bleibt. Es gab also immer auch einen Rückkoppelungsprozess. Im Design steckt also zum großen Teil die Orientierung am Nutzen, aber auch das Feedback aus unserer eigenen Produktion. Die Reste werden dann wieder eingeschmolzen oder zu kleinen Objekten weiterverarbeitet.
Julieta: Wir hatten die ganze Zeit über den Nachhaltigkeitsaspekt im Kopf, das gehört zu unserer Lebenseinstellung. Die erste Idee in diesem Zusammenhang war, dass man diese Möbel lange Zeit benutzt. Dass sie also nicht nur für Kinder oder ein bestimmtes Alter gedacht sind. So kamen wir auf das Material, da Plastik das langlebigste, strapazierfähigste und pflegeleichteste Material ist.
Dirk: …und für unsere Idee die besten Eigenschaften mitbringt: Es kann nass werden, es verwittert nicht, es bricht oder splittert nicht, so wie etwa Holz, es ist sicher und absolut nicht toxisch, Kinder können sogar daran lutschen. All das, was Plastik zum Problem macht, die Langlebigkeit und die Verfügbarkeit, können wir nutzen. Es gibt schon so viel davon, dass man daraus etwas machen kann, bevor es Müll ist und entsorgt werden muss.
Julieta: Nachhaltigkeit und Plastik zusammen zu bringen ist eine Herausforderung. Wir persönlich finden Plastik von seinen Eigenschaften her wirklich toll und es ist einfach schade, Dinge aus solch tollem, robustem Material nach einer kurzen Nutzung wegzuwerfen.
Dirk: Beziehungsweise nicht zu recyceln. Ich komme aus der DDR, da hat die Idee von Kreislaufwirtschaft unweigerlich besser funktioniert, da es schlicht weniger Material insgesamt gab. Was da war, wurde so lange es geht weiterverwendet. Plastik wurde nicht in den Müll geworfen. Es gab diese „Sero“ Annahmestellen, da konnte man alles hinbringen, Papier, Plastik, Holz, Metalle. Dort wurde dann getrennt. So haben sich vor allem Kinder das Taschengeld aufgebessert. Dadurch, dass es in der DDR nur wenige Sorten von Plastik gab, im Prinzip nur Polypropylen, konnte man sehr hohe Recycling-Quoten erreichen. Auch heute wird in ärmeren Ländern deutlich mehr recycelt als bei uns, obwohl unsere technischen Möglichkeiten besser sind. Aber es fehlt die Notwenigkeit.
Julieta: Wir verwenden ausschließlich HDPE-Plastik, das ist uns sehr wichtig, denn das lässt sich am einfachsten recyceln, bis zu zehnmal ohne Qualitätsverlust. Die Platten, die wir benutzen, sind industrielle Reste, hauptsächlich aus der Herstellung von Küchenutensilien, wie zum Beispiel Schneidebrettern.
Dirk: Aber es werden auch ungewöhnlichere Restposten recycelt, zum Beispiel ausgediente Schießstandauskleidungen von Militär und Polizei. Die Wände der Übungsplätze sind mit solchem Plastik ausgekleidet, weil es die abgefeuerten Kugeln aufnimmt und den Schall dämmt.
Julieta: Die Plastikreste werden geschreddert und zu Platten gepresst.
Dirk: Wir arbeiten mit zwei Firmen zusammen, die uns regelmäßig anrufen und sagen, sie haben jetzt wieder ein paar Tonnen Granulat in dieser oder jener Farbe und fragen, ob wir Platten haben möchten. Die werden dann für uns gepresst. Zu Beginn unserer Produktion schien das alles recht einfach, die Platten waren zu jeder Zeit verfügbar. Dann wurden sie immer rarer und auch immer teurer. Leider gibt es durch Covid auch in diesem Sektor Probleme mit Lieferketten.
Julieta: Ja, vor allem Baumaterialien.
Dirk: In den zwei Jahren, in denen wir produzieren, haben sich die Preise für recyceltes Plastik fast verdoppelt!
Dirk: Die Platten werden normalerweise zum Stützen von Kränen benutzt oder stabilisieren die Fahrbahn für Schwertransporte, wenn zum Beispiel Windkraftwerke in den Feldern aufgestellt werden. Die würden sonst im lockeren Boden versinken. Temporäre Straßen werden oft aus ca. 3×6 Meter großen Plastikplatten gebaut.
Julieta: Ja, unser Tritt zum Beispiel biegt sich leicht ab ca. 90 Kilo – aber er bricht nicht.
Dirk: Sogar einen heißen Topf kann man ohne Probleme drauf stellen.
Julieta: Ein Bügeleisen auch. Das habe ich probiert und es passiert nicht sofort etwas.
Unsere Idee ist ja, dass man die Teile wirklich sehr lange benutzen kann. Deshalb möchten wir einen Rückkauf-Service anbieten, wenn jemand die Möbel mal nicht mehr haben möchte oder gebrauchen kann. Dann können wir sie ganz leicht wieder verwenden. Das Material wird erneut geschreddert und in Platten gepresst. Ganz kleine Reste schicken wir im Moment zu einem Partnerstudio in Polen. Die schmelzen die Teile ein und machen zum Beispiel Kämme daraus, die man auch auf unserer Seite kaufen kann. Wir haben noch keine Injektionsmaschine, um die Reste selbst wieder einzuschmelzen.
Julieta: Die Seifenschalen sind eine schöne Kooperation mit einem Berliner Seifen-Label, das wiederum seine Seifenreste zusammengepresst hat. So entstand eine ähnliche Optik wie bei unseren Schalen. Beides sind tolle, recycelte Produkte, die der Resteverwertung dienen und einen guten Wert haben. HDPE ist gerade fürs Bad sehr gut geeignet. Nässe macht ihm nichts aus und es ist einfach zu säubern. Verwendungsmöglichkeiten für dieses Material gibt es wirklich viele.
Dirk: Wir bleiben vorerst bei der kleinen Kollektion und konzentrieren uns auf den Produktionsprozess. Bei manchen Möbeln fallen noch zu große Reste an. Wir überlegen uns ständig etwas, um die Platten noch besser auszulasten und so wenig Verschnitt wie möglich zu haben. Wir dachten an ein Stapelspiel zum Beispiel, oder andere kleine Dinge.
Die Möbel von Minimono kann man über den Onlineshop kaufen.

