Verantwortung ist größer als Nachhaltigkeit
Verantwortung ist größer als Nachhaltigkeit
Panos Gotsis studiert Medizin, arbeitet 16 Jahre lang als Arzt und startet dann Anfang 2020 eine neue Karriere in der Modebranche. Was klingt wie ein Bruch in der Biografie, folgt einem inneren Kompass: „Ich wollte meinem Bedürfnis nach Kreation und Mode Raum geben“, sagt Panos Gotsis über den Wechsel.
Seit 2024 ist er mit seinem eigenen Label PANOS GOTSIS international erfolgreich, seine Unikate sind in Hollywood-Blockbustern wie „Emily in Paris“ zu sehen, seit Mai 2026 zeigt er sie live in seinem Store auf dem Kurfürstendamm in Berlin. Wie Haltung und Werte wie Nachhaltigkeit, Verantwortung und Qualität zum Erfolgsmodell werden – in einer von Fast Fashion dominierten Branche.
Interview mit Panos Gotsis
Du hast Medizin studiert, als Gastroenterologe im Krankenhaus gearbeitet, bist zusätzlich zu Akupunktur und Traditioneller Chinesischer Medizin ausgebildet. Und am 1. Januar 2020 bist Du in die Modebranche gewechselt. Wie passt das zusammen?
Für mich passt das vollkommen zusammen – weil beides denselben Blick verlangt. In der Medizin schaust du nicht auf ein Symptom, sondern auf einen Menschen in seinem ganzen Kontext. Diesen holistischen Ansatz habe ich mitgenommen. Das war ein bewusster Schritt. Ich wollte mein Verständnis von Ästhetik und Identität und meine Leidenschaft für Handwerk und Nachhaltigkeit leben. Wenn ich heute über ein Kleidungsstück nachdenke, denke ich über alles nach: Woher kommt der Stoff? Wer hat ihn gewoben? Wie wird produziert? Was bedeutet es, dieses Stück zu tragen? Das ist das Konzept.
Viele würden sagen, verantwortungsvoll und nachhaltig zu produzieren sei das Schwierigste, was man in der Mode tun kann. Wie siehst Du das?
Genau andersrum. Für mich ist das das Einfachste und das Natürlichste auf der Welt. Alles andere wäre schwierig. Wenn ich mich fragen würde: Wo ist die Lücke im Markt, wie schneide ich das Produkt darauf zu – das wäre schwierig. Ich mache es umgekehrt. Ich kreiere das, was ich wirklich will, weil ich denke, dass es Sinn macht und dass es wert ist, in Gang gesetzt zu werden. Und dann versuche ich, über das Erzählen von Geschichten dafür zu sensibilisieren. Wenn das fruchtet, fruchtet das. Aber der Ausgangspunkt ist nie der Markt.
Du sagst, Verantwortung sei noch größer als Nachhaltigkeit. Was meinst Du damit?
Nachhaltigkeit ist oft ein Begriff geworden, der auf Materialien und CO₂ reduziert wird. Verantwortung ist umfassender. Es geht um Partnerschaften, um Menschen, um die Frage: Welche Energien fördere ich mit meinen Entscheidungen? Ich übernehme Verantwortung für jeden Stoff, den ich kaufe, für jede Zusammenarbeit, die ich eingehe, für jedes Kleidungsstück, das jemand trägt. Das liegt komplett bei mir. Das ist mein Anspruch.
Du hast Dir Deine Lieferketten sehr bewusst zusammengestellt und aufgebaut. Bei der Produktion verwendest Du oft Dead-Stock-Stoffe, das sind Reststoffe aus Überproduktionen.
Ich finde den Begriff furchtbar. Diese Stoffe sind alles andere als tot – die sind sehr lebendig. Ich kaufe das, was die große Modeindustrie nicht mehr braucht, weil sie sich immer im Zwang sieht, neue Stoffe entwickeln zu müssen. Was damit passiert, wenn niemand sie kauft, wurde mir einmal in Paris sehr plastisch vor Augen geführt: Stoffe mit aufgedruckten Logos müssen im Beisein eines Rechtsanwalts und Notars verbrannt werden. Hunderte von Metern. Das macht mich wütend – aber vor allem macht es mich traurig.
Und Deine Antwort darauf ist, diese Stoffe zu kaufen, aufzuarbeiten, zu einem neuen Leben zu verhelfen.
Genau. Ich arbeite mit einer Stoffhändlerin in Paris und mit einer weiteren in Thessaloniki. Es gibt auch Auktionshäuser, bei denen man sehr alte, wunderschöne Stoffe ersteigern kann – Materialien, die heute noch halten, was sie versprechen. Aber man muss aufpassen: Die sind nicht günstig, und zu Recht
Schönheit ist Respekt.
Die Stücke in Deinen Kollektionen sind Unikate. Bei der Herstellung setzt Du auf alte Handwerkstechniken und kleine Studios.
Alles, was ich aufgebaut habe, ist durch Menschen entstanden, denen ich vertraue. Das Schneiderstudio in Thessaloniki kam durch eine Bekannte meiner Frau. Sie sagte: „Was Du vorhast klingt ein bisschen verrückt, aber auch ein bisschen revolutionär. Ich glaube, das ist das, was die Mode braucht“. Wir haben eine Probephase gemacht, sind miteinander gewachsen, haben unsere Grenzen erweitert. Das ist ein schönes Zusammenspiel.
Deine Weberei macht vor allem die Hosenstoffe und sitzt in Nordgriechenland, in Epirus, auf 1.400 Metern Höhe.
Die Weberei wurde mir von meiner Mutter empfohlen. Ich habe gesagt: „Mama, die machen Tischdecken und Gardinen“. Sie sagte: „Mach’s einfach“. Also bin ich hingegangen und habe geklopft. Die haben mich erst schräg angeschaut. Ich habe vorgeschlagen, es als Experiment zu versuchen – auf Zeit, ohne Druck. Als sie dann das fertige Produkt gesehen haben, was aus ihren Stoffen entstehen kann, waren die begeistert. Das war denen gar nicht bewusst: dass aus diesem alten, traditionellen Handwerk etwas so Zeitgemäßes entstehen kann.
Was macht diese Weberei so besonders?
Es ist eine Handwerksschule, die jedes Jahr zwanzig jungen Frauen ein volles Stipendium gibt – Unterkunft, Verpflegung, Versicherung, zwei Jahre lang, mitten in den Bergen. Sie lernen das traditionelle Handwerk der Weberei auf alten Webstühlen. Das Ziel ist, dass sie sich danach eine Existenz darauf aufbauen können. Was ich mitgeben kann, ist die Perspektive, dass diese Stoffe heute gefragt sind. Dass es Menschen gibt, die dieses Handwerk schätzen und bereit sind, dafür zu zahlen. Das verändert, wie man auf die eigene Arbeit schaut. Und es gibt dem Handwerk eine Zukunft.
Heute produzierst Du zu etwa sechzig Prozent in Griechenland, vierzig Prozent in Deutschland, in Berlin.
Und das finde ich gut. Am Anfang war alles in Berlin. Dann, als Griechenland dazukam, hat sich das verschoben. Jetzt bin ich näher dran – an beiden Orten – und das freut mich.
Deine Kollektionen haben Namen: „Man Enough“, „Anti“, „We“. Wie entsteht das?
Ich nehme Strömungen auf, die ich in der Gesellschaft wahrnehme, und transformiere sie über Design. „Man Enough“ war ein Spiel mit dem, was traditionell als männlich gilt – in der Mode, im Leben. Was bedeutet Männlichkeit heute, und wie toxisch oder nicht toxisch sind die Einflüsse, die davon ausgehen? „Anti“ handelte von den Antihelden, die wir alle sind – und gleichzeitig den Helden. Die aktuelle Kollektion heißt „We“ – als Gegenpol zu Spaltung, als Statement für das Miteinander. Es ist immer ein roter Faden.
Teile Deiner Kollektionen waren in „And Just Like That“ und „Emily in Paris“ zu sehen. Wie kam das?
Bei „Emily in Paris“ kannte ich die Kostümbildnerin noch aus meiner Zeit vor meinem eigenen Label. Als ich ihr erzählt habe, was ich mache, hat das zu dem Charakter gepasst, der eingekleidet werden sollte. Bei „And Just Like That“, der Fortsetzung von „Sex and the City“, hat mich Molly Rogers, die Kostümdesignerin, auf Instagram angeschrieben. Ich habe ihr ein Hemd geschickt. Sie fragte nach mehr. Am Ende sind sechs Teile in der Serie gelandet. Nach der Ausstrahlung der ersten Folge hatte ich Käufe von Menschen, die mich vorher nicht kannten. Einer aus Polen schrieb mir: Wir kannten dich zwar nicht. Aber dann haben wir uns durchgelesen, was du auf Instagram schreibst – und es macht Sinn.
Was macht dir dabei am meisten Freude?
Dass die Leute nicht nur das Kleidungsstück kaufen. Die kaufen ein Gefühl, eine Haltung. Sie verstehen, warum ich das mache. Das ist keine Emotion im Sinne von Sentimentalität – das ist Klarheit. Und das ist es, was ich mir von Anfang an erhofft habe.
Die Modeindustrie gilt als eine der schmutzigsten Industrien der Welt. Bist Du überzeugt, dass sie sich ändern kann?
Ich bin überzeugter denn je, dass sie zu retten ist. Weil wir bereit sind – als Gesellschaft, als Konsumenten, als junge Labels. Ja, die Industrie ist krank. Aber es gibt immer mehr Menschen, die verstehen, warum das, was ich mache, wichtig ist. Die mehr auf Langlebigkeit als auf schnelles Kaufen und Wegwerfen setzen. Das ist keine modische Haltung mehr – das ist eine andere Lebensweise. Wohin gebe ich meine Energie? Welche Energien möchte ich fördern? Ich glaube, das Publikum dafür wächst. Und wir jungen Labels sind dafür da, diesen Wandel zu gestalten.
Mehr Informationen:
Website https://panosgotsis.com/
Instagram https://www.instagram.com/panosgotsis/
Schöner Podcast von Supermarque mit Panos Gotsis
Panos Gotsis Store, Kurfürstendamm 200, 10719 Berlin
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